SIGUNE SIÉVI / SUSANNE PAESLER
PROZESSION DER SCHATTEN (PARADE OF SHADOWS)
13 MARCH – 15 MAY 2015

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In ihrer zweiten Ausstellung bei VAN HORN hat sich Sigune Siévi die von ihr geliebte, früh verstorbene Malerin Susanne Paesler als Gegenüber ausgewählt. Sie sagt dazu:

Warum stelle ich mit Susanne Paesler aus? Ich habe sie erwählt, sie kann sich nicht mehr wehren, sie ist tot, ich jedoch bin lebendig. Ich hoffe oder besser, ich glaube zu wissen, Susanne wäre damit einverstanden gewesen. Als ich sie kennenlernte habe ich sie sofort gefragt, ob sie mit mir etwas machen würde, sie bejahte dies, allerdings hätte sie nur sehr wenig Zeit – wie wenig wurde mir erst später bewusst.

Susannes Arbeiten hatten sofort von mir Besitz ergriffen, so sehr, dass sich eines meiner Werke “chambre d’ amour” unmittelbar auf eines ihrer Bilder bezieht. Dieses Bild von Susanne knüpft wiederum an ein Bild von Willi Baumeister an.
Das mit mir und Susanne ist die Geschichte einer einseitigen Besessenheit, denn als ich sie kennenlernte lag sie schon im Sterben und als ich dies realisierte, war sie schon ein Schatten.

Dieser Eindruck könnte eine Erklärung zu dem Titel der Ausstellung “Prozession der Schatten” liefern, den ich als Zitat aus einem Gedichtband von Anna Açmatova (“Enuma Elish” oder auch “Traum im Traum”) entnommen habe. An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass neben meinem bildhauerischen Werk noch einige unveröffentlichte Videofilme von mir existieren und dass ich an einer Verfilmung von “Traum im Traum” seit 2005 arbeite. “Traum im Traum” diesen Ausdruck habe ich zu meiner Überraschung auch in dem Film “Inception” von Christopher Nolan wiedergefunden.

In ihrem Werk kreist Susanne Paesler um das “Zeichen zeichnen” in der Malerei. Was hat es mit diesem Zeichen setzen in der Malerei auf sich? In ihr werden oder wurden alle für mich relevanten bild- und formsprachlichen Erfindungen gemacht. Ich entwickele Etwas, aus Etwas was ein Anderer vor mir schon einmal als Zeichen gesetzt hat – so besteht eine direkte Verbindung bis zur Steinzeit. Stündlich droht das Vergessen. Natürlich auch ein für mich unmittelbar wichtiger Grund mit Susanne auszustellen. Sie dem Vergessen für einen Moment zu entreißen, und mich damit mit.
Ein Bild – das beweist ich war da, ich bin da gewesen. Es ist das was man eine persönliche Handschrift nennt, eine eindeutig wiedererkennbare Unterschrift, das ‘Signé’, wie es Susanne nannte.

Der bildhauerische Prozess, die Skulptur geht durch meinen Körper denn er ist es der sie letztendlich erschafft. Und ich arbeite skulptural, weil ich am Schluss etwas wegnehme vom Material. Das Material befindet sich im Widerstreit mit meinem Körper, nicht nur wegen seiner Konsistenz, sondern auch aufgrund der Technik, die die Bearbeitung erfordert. Damit befinde ich mich schon mitten im Maschinenraum, genauer: ich war im Maschinenraum und dieser rutscht zunehmend aus dem Blickwinkel.

Deswegen ist da auch das Neonglaslicht, es hilft mir etwas dagegenzusetzen. Dieses Licht hat nicht nur eine verstärkende Funktion, es ist auch wider der natürlichen Beleuchtung, gegen die Dunkelheit; es brennt, es verbraucht Energie. Elektrizität ist ein sehr wichtiger Aspekt. Obwohl ich Holz verarbeite, nähert es sich durch die Oberflächenbehandlung an Plastik an, es sieht aus wie Plastik, ist aber keines. Das ist meine Auseinandersetzung mit den Baustoffen der Moderne. Ich verwende Beton, Glas, Plastik, Eisen und Lack, alles was nicht so schnell verrottet.
Das Holz verrottet nach der Verarbeitung langsamer, sein natürlicher Ursprung ist weniger offensichtlich und der hervorgerufene Eindruck vermittellt: Mich darf niemals mehr jemand anfassen! Ansehen ja, anfassen nein. Noch nicht einmal, um Staub abzuwischen.

Über den Staub mache ich mir ziemlich viele Gedanken, vor allem wegen des Glases, es wird mit der Zeit verstauben. Staub hat eine sehr universelle Aura. Der oder die zukünftige BesitzerIn – in meiner Imagination vorhanden, wenn auch abwesend und unbekannt – wird damit leben müssen. Das Problem zu lösen, überlasse ich ihnen.

Ich lass es so stehen und ende mit einem Gedicht von Mdm Açmatova:

Schon wieder die? Nein sie ist es nicht, das ist die Falsche./
Es ist vorbei. Es sinkt das Schiff./
In Haft wir beide – und die Masken weggerafft./
Den Ruf der Freiheit mein’ ich zu erlauschen/
und glaube schon, ich lebe ohne Zwang/

aus dem Russischen übersetzt von Alexander Nitzberg

Sigune Siévi 2015

Unser besonderer Dank gilt der Galerie Barbara Weiss für die Leihgaben der Arbeiten Susanne Paeslers.

SIGUNE SIÉVI / SUSANNE PAESLER
PROZESSION DER SCHATTEN (PARADE OF SHADOWS)
March 13 to May 15, 2015

For her second solo-exhibition at VAN HORN Sigune Siévi chose her beloved, eaely deceased painter Susanne Paesler as a counterpart for the exhibition. In her words:

“Why do I show with Susanne Paesler? I have chosen her, she can not defend herself, she is dead, but I am alive. I hope, or better, I think I know Susanne would have agreed to be part of this. When I met her I immediately asked her if she would show with me. She agreed, but said that she had very little time left – how little, I just realized later.

Susanne’s work immediately took posession of me, so much that I named one of my works “Chambre d’amour”, which refers directly to one of her paintings. This painting by Susanne is in turn linked to a work by Willi Baumeister.
The story with Susanne and me could be called an one-sided obsession, because when I met her first she was already dying, and when I realized this, she already was a shadow.

This impression could provide an explanation for the title of the exhibition “Parade of Shadows”, which is a quote from a poem by Anna Açmatova (“Enuma Elish” or “Dream within a Dream”). At this point I’d like to mention that beside my sculptural work some unreleased video films exist and that I work on an adaption of “Dream within a Dream” since 2005. To my suprise I found the same expression used again in the movie “Inception” by Christopher Nolan.

In her work Susanne Paesler revolves around “drawing marks (signs)” within panting. What is it all about with the marks (tags) in painting? For me all relevant linguistic image and form inventions were made with it. I develop something out of something, which another one has already marked (set as a tag) – in this way a direct connection to the Stone Age exists. The threat of oblivion is always there. Of course that is an important reason for me to exhibit with Susanne. To wrest her from oblivion just for a moment – and me with her.
A picture – it proves that I was there, I have been here. This is what is called a personal note, a clearly recognizable signature, the ‘Signé’ as Susanne said.

The sculptural process, the sculpture itself, goes through my body, as he is the one who eventually creates it. And I work sculptural, because in the end I take something away from the initial material. The material is in conflict with my body, not only because of its consistency, but also due to the technique, which requires processing. So I’m already in the center of the Maschinenraum (engine room), or rather: I was in the engine room and it is increasingly slipping out of perspective.

For that reason there is the neonglass-light, it helps me to put something against it. This light has not only a reinforcing function, it is also in opposition to the natural lighting, against the darkness; it burns, it consumes energy. Electricity is a very important aspect. Although I work with wood, it is reminiscent of plastic due to the surface treatment. It looks like plastic, but it is not. This is my personal involvement with the building materials of Modern Age. I use concrete, glass, plastic, iron and lacquer, all things which do not rot easily. After treatment wood decays much slower, its natural origin is less obvious and the evoked impression conveys: Nobody is ever allowed to touch me again! Looking yes, touching no. Not even to wipe off dust.

I contemplate a lot about the dust, mainly because of the glass, it will get dusty over time. For me dust has a very universal aura. The future owner – already existent in my imagination, though absent and unknown – will have to live with it. To solve the problem, this I’ll leave to you.”

Sigune Siévi 2015